Restaurierung von Pergamentfragmenten aus der Vetus Latina
der Stiftsbibliothek St. Gallen

St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 1394
Pergament · 200 pp. · 2° maj. · Einsiedeln · 4.-15. Jahrhundert
Veterum Fragmentorum Manuscriptis Codicibus detractorum collectio Tom. I.

Im Fragmenten-Sammelband Nr. 1394, in dem sich die berühmten St.Galler Vergil-Fragmente befinden, sind 16 Blätter mit Evangelien-Texten nach Matthäus und Markus in einer sprachlich wenig gewandten altlateinischen Fassung aus dem 3. oder 4. Jahrhundert erhalten, die man ehemals als „Itala“-Fassung bezeichnete und die heute moderner mit „Vetus-Latina-Version“ umschrieben wird. Die im frühen 5. Jahrhundert in Italien (vermutlich in Rom) geschriebenen Texte geben also eine von vielen Fassungen jenes Bibeltextes wieder, die bis zur endgültigen Durchsetzung und Verbreitung der Bibelübersetzungen des Hieronymus den Christen als gängige und gebräuchliche Lektüre diente. Vereinzelt hielten sich Vetus-Latina-Bibeltexte noch bis ins 8. und 9. Jahrhundert.

Vermutlich als Bestandteil eines vollständigen Evangelienbuches kamen die Fragmente im späteren 8. Jahrhundert ins Kloster St.Gallen, wurden hier vereinzelt mit Glossen und Bemerkungen versehen und später, da einerseits die römische Unzialschrift ungewohnt und altertümlich war, der Text für die bibelphilologisch gut geschulten Mönche generell als überholt galt und allmählich auch eine grosse Zahl besserer Bibelhandschriften zereur Verfügung stand, aus dem Evangelienbuch ausgebunden. Verschiedene Pergamentblätter band man hierauf als Verstärkungen des Buchrückens oder zum Schutz der Buchdeckel in neugeschaffene Handschriften ein. So befand sich beispielsweise eines der Blätter vermutlich rund 900 Jahre lang in der Handschrift Nr. 14.


Die Fragmente wurden in verschiedenen Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen unter den Spiegeln oder als Rückenüberklebung entdeckt. Die hier ersichtlichen bräunlichen Verfärbungen stammen vom Kleister und nicht wie auf den nachfolgenden Abbildungen von den Selbstklebestreifen. An diesem Fragment galt es, den abgefallenen und stark deformierten Streifen (oben im Bild) wieder am grösseren Fragmentteil (unten) zu befestigen. Sämtliche Risse wurden mit kleinsten Pergamentstücken geschlossen, indem diese mit Hausenblasenleim zwischen den Zeilen über den Riss geklebt wurden.


Aufnahme nach der Restaurierung


Detailaufnahme des Risses im Fragment vor der Restaurierung.


Detailaufnahme des Risses im Fragment nach der Restaurierung.


Kodex 1394 vor der Restaurierung: Die mit Selbstklebestreifen auf Papierbogen geklebten Fragmente. Die Selbstklebestreifen sind vermutlich rund 40 Jahre alt und vollständig versprödet und fallen teilweise ab.


Kodex 1394 nach der Restaurierung: Die durch Selbstklebestreifen entstandenen Verfärbungen auf den Pergamentfragmenten konnten entfernt werden. Im Papier verblieben jedoch Rückstände. Die neue Montage der Fragmente erfolgte mittels Japanpapierfälzen. Die ursprüngliche Anordnung wurde auf Verlangen der Bibliothek so geändert, dass beim Wenden der Fragmente kein Text anderer Fragmente verdeckt wird. Dieser Schritt war im Hinblick auf die Digitalisierung notwendig.


Detailaufnahme vor der Restaurierung: der vom Klebstoff der Selbstklebestreifen herrührenden gelblichen Verfärbungen im Pergament. Die Glanzstellen sind die teilweise noch vorhandenen Trägerfolien der Selbstklebestreifen.


Detailaufnahme nach der Restaurierung: der Klebstoff war chemisch so stark abgebaut, dass ein Ablösen mit Lösungsmitteln nicht mehr möglich war. Der versprödete Klebstoff wurde mit Kleisterkompressen erweicht und anschliessend mit einem Spatel mechanisch abgetragen.

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